Shoppen in Kassel, in der ältesten Fußgängerzone Europas: Kein Verkehr, gute Erreichbarkeit der Geschäfte mittels Straßenbahn und neuerdings auch Regiotram. Zwischendurch ein Blick ins Museum Friedricianum oder ein Blick vom Friedrichsplatz über die Aue, ein Besuch im Cafe… Es könnte so schön sein.
Doch gleich um die Ecke stinkts: Die Fünffensterstraße, gleich angrenzend an die Fußgängerzone ist die mit Feinstaub meistbelastete Straße in Hessen. Zwar wurde hier bisher ‘nur’ 13 mal der Grenzwert überschritten - erst ab 35 mal ist die Stadt gezwungen etwas dagegen zu tun - doch was heißt schon ‘nur’? Feinstaub kostet Menschenleben, und das nicht zu knapp. Zwar ist ein Teil des gesamten Feinstaubproblems natürlichen Ursprungs: Pollen, Bakterien, Sahara-Staub, Erosion tragen dazu bei. Feinstaub lagert sich in der Lunge an, geht bis in die Lungenbläschen, von wo er kaum je wieder vom Körper entfernt werden kann. Der vom Menschen gemachte Feinstaub hat aber besonders in Form von Dieselruß noch eine besondere Qualität: Dieseruß trägt Partikel in die Lunge, die nachgewiesenermaßen krebserregend sind. Ein Großteil der aufgrund von Feinstaub vorzeitig versterbenden Menschen dürfte damit auf das Konto von Dieselruß gehen.
Dennoch wird es in Kassel keine Zone geben, in der Dieselfahrzeuge nur mit Rußpratikelfilter fahren dürfen, damit die Menschen geschützt sind. Der Pressesprecher des hessischen Umweltministeriums vermutete gegenüber der HNA: Welcher Bürgermeister wolle sich schon mit den Gewerbetreibenden anlegen, weil er den Lieferverkehr aus der Stadt aussperre.
Doch eigentlich wäre es ja kein Aussperren des Lieferverkehrs: Fahrzeuge mit Parikelfilder würden ja weiterhin fahren dürfen. Eine Übergangslösung mit festgelegten Fristen und eingeschränkten Zeiten für Fahrzeuge ohne Partikelfilter könnte m. E. die Umrüstung gut abfedern. Anscheinend wird jedoch nicht einmal darüber nachgedacht, so vermute ich.
Wir leben in einem seltsamen Land. Da werden Abermillionen für den Kampf gegen den Terror ausgegeben, einer Gefahr, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland keine Menschenleben gefordert hat. Gut, man könnte jetzt sagen, es sei zynisch, erst zu warten, BIS sie Menschenleben fordert.
Viel zynischer ist es meiner Meinung nach aber, dass man seelenruhig zuschaut, wie Feinstaub und Dieselruß zigtausende von Menschenleben jedes Jahr kosten. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahl der jährlichen Toten durch Feinstaub und Dieseruß in Deutschland auf 75.000 (s. Link oben). Das sind fast 23 mal so viele Tote wie am 11. September 2001 bei den Anschlägen auf das World Trade Center - und das jedes Jahr! Die EU-Kommission schätzt die Zahl der jährlichen Feinstaubtoten europaweit auf 310.000, dass sind fast 100 mal so viele Tote wie am 11.09.2001. Und wem das alles zu theoretisch ist, sollte sich einmal anschauen, wie ein Kind unter Pseudo-Krupp leidet - will man das wirklich alles in Kauf nehmen? Und wer schon einmal unter Atemnot gelitten hat,und sei es nur bei einer Erkältung, kann sich vorstellen, welch ein elender Tod es ist, wenn Menschen an Lungenkrebs sterben.
Doch unsere Politiker machen uns lieber Angst vor Terroristen! Wir sollten uns lieber die Frage stellen, wo die wirklich großen Gefahren liegen (und wem die bisherige Politik nützt)!
(Anm.: Man mag mir jetzt vorwerfen, dass ich die Frage der Zuständigkeiten der verschiedenen Politikebenen vernachlässigt habe. Aber diese ist nur dann relevant, wenn man sich nicht einig über die Notwendigkeiten ist.)
P.S: Ich danke der Hessisch-Niedersächsischen-Allgemeinen Zeitung (HNA) für ihren hervorragenden Artikel, auf den ich mich hier zum größten Teil bezogen habe!


