Dass in deutschen Chefetagen etwas schief läuft, dieses Gefühl hat so mancher schon seit langem. Andreas Theyssen, Leiter des Politikressorts der Financial Times Deutschland (FTD)
befasst sich in seinem äußerst lesenswerten Beitrag “Uns kann keiner was” allerdings nicht, wie man meinen könnte mit wirtschaftlichen Kenndaten, Strategien, Börsenkursen oder Ähnlichem. Nein, er beschäftigt sich mit den jüngsten Skandalen und der politischen und moralischen Gesinnung unserer Wirtschaftslenker und kommt zu klaren, wenn auch für manche sehr unbequemen Schlüssen:
“Die Fälle zeigen, dass sich Teile der Wirtschaftselite vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt haben”
Und konkreter:
“Dort hat sich ganz offensichtlich eine Denke entwickelt, die sich zunehmend entfernt von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.”
Manche Konzernlenker schienen nach der Devise zu agieren: Uns kann keiner.
Natürlich müssen diese sich nicht selbst die Hände schmutzig machen. Niemand auf dieser Stufe der Hierarchie wird die konkrete Anweisung zu Gesetzesverstößen gegeben haben. Und ebenso wenig werden sich die Betreffenden en detail darüber haben informieren lassen, mit welchen Methoden bestimmte Ergebnisse erzielt worden sind. ‘Wir haben da ein Problem. Lösen Sie das unbedingt.’ Solch eine Anweisung dürfte völlig reichen. Die Frage ist, ob das an der zumindest moralischen Verantwortung für etwaige illegale Geschehnisse viel ändert. Leider sind es anscheinend auch nicht die großen Ausnahmen:
“Es sind inzwischen einfach zu viele Einzelfälle,als dass man nur noch von einigen schwarzen Schafen in der Wirtschaft reden könnte. Der Verdacht, dass in der deutschen Wirtschaftselite etwas schiefläuft, wird nahezu täglich unterfüttert.”
Das wir demnächst von Konzernen erfahren würden, die sich Journalisten gekauft hätten, um sich eine angenehme Berichterstattung zu sichern, diese Vermutung Theyssens ist in gewisser Weise womöglich längst überholt. Printmedien beispielsweise leben schließlich zu einem großen Teil von den Einnahmen aus Werbeanzeigen von Unternehmen. Außerdem sind manche Konzerne wahrscheinlich in der Lage, gleich ganze Medienunternehmen zu übernehmen bzw. bedeutende Beteiligungen zu erwerben. Aber nur um so dringender sind Theyssens Mahnungen an Redaktionen und Journalistenverbände, aber vor allem auch seine Vorschläge in Richtung Arbeitgeberverbände:
“Wie wäre es daher, wenn die Arbeitgeberverbände mal für ein paar Monate ihre wöchentlichen Forderungen nach Steuersenkungen zurückstellen und stattdessen Staatsbürgerkunde für Konzernchefs anbieten würden?”
Fazit: Unbedingt lesen!
