Das Thema ist zwar nicht mehr so stark in den Medien vertreten, verdrängt von der Lehman-Pleite, AIG-Turbulenzen usw. Aber es ist ja nicht vom Tisch und beleuchtet so einiges von unserer Betrachtungsweise der Marktwirtschaft.
Die Bahn will – wieder einmal – ihre Fahrpreise erhöhen. Begründet wird das hauptsächlich mit gestiegenen Energie- und Personalkosten. So knapp 4 Prozent im Durchschnitt werden Reisende wohl mehr zahlen müssen.
Es hagelte Kritik von allen Seiten. Doch wie berechtigt ist diese eigentlich?
Die Energiepreise sind in den letzten Monaten gewaltig gestiegen! Dabei darf nicht vergessen werden, dass es keine parallelen Anpassungen der Fahrpreise gab. Das bedeutet zunächst einmal, dass jedes neue Ticket, Tag für Tag, weniger rentabel für die Bahn ist. Also geht sie gewissermaßen – okay, gemessen nur am möglichen optimalen Gewinn – bis zur Preiserhöhung in Vorleistung. Sie bleibt also höchstwahrscheinlich (ich kenne natürlich die genauen Zahlen nicht) hinter dem optimalen Gewinn etwas zurück, ein Rückstand, den es in einem gut geführten Unternehmen aufzuholen gilt. Deshalb ist eine Erhöhung der Preise knapp über der aktuellen Inflation wahrscheinlich durchaus gerechtfertigt.
Denn Wirtschaftsunternehmen sind nun mal dazu da Gewinn zu machen. Das ist ihr primärer Daseinszweck. Die angebotene Leistung ist da nur Mittel zum Zweck. Vom wirtschaftlichen Standpunkt, und nur dieser kann zählen, wenn das Unternehmen privatisiert werden soll, gilt genau diese Reihenfolge. Und da es in der Marktwirtschaft Konkurrenz gibt, bedeutet das, schneller zu wachsen als diese – und wenn man, aus welchen Gründen auch immer, im Wettbewerb vorne liegt, muss man trachten, den Vorsprung noch zu vergrößern. Die Konkurrenz schläft nicht und könnte einen irgendwann einholen, überholen.
Die Folge davon ist der Zwang zur Gewinnoptimierung. Und hier passt nahtlos das folgende Zitat des Stern-Kommentators:
Der Logik des Kapitalismus entspricht es aber nicht, sich in guten Zeiten zurückzulehnen, Arbeitsplätze anzubieten, auf die man auch verzichten könnte und Preise niedrig zu halten, obwohl die Kosten steigen und die Nachfrage nach dem Produkt da ist. Der Logik des Kapitalismus entspricht es vielmehr, gerade wenn es gut läuft, nach Möglichkeiten zur weiteren Gewinnsteigerung zu suchen, vor allem, wenn man wie im Fall Deutsche Bahn demnächst an die Börse will.
So mancher mag nämlich denken: Moment, die Bahn hat doch zumindest in Bezug auf das Streckennetz, aber auch im Fernverkehr keine wirkliche Konkurrenz und könnte deshalb doch soziale Aspekte berücksichtigen, zumal bei guter Gewinnlage.
Aber die Konkurrenz bezieht sich heutzutage leider nicht nur auf das zu produzierende Produkt, die zu erbringende Leistung. Diese Faktoren sind, wie oben schon gesagt, nur Mittel zum Zweck. Die eigentlich Leistung ist im Börsenzeitalter die vom Unternehmen für die Investoren abgeworfene Redite auf das eingesetzte Kapital, der Shareholder-Value.
Deshalb hat die Bahn natürlich eine ganze Menge Konkurrenten, wenn sie an die Börse soll. Es sind die Konkurrenten auf dem Kapitalmarkt und zu ihnen zählt eigentlich jedes an der Börse notierte Unternehmen. So betrachtet wird vielleicht der Quantensprung deutlich, den der geplante Börsengang für die Bahn bedeutet. Es geht nicht mehr hauptsächlich um den Personen- und Gütertransport, sondern um Gewinnoptimierung, Kostensenkung um fast jeden Preis, Marketing, Marktsegmentierung usw. Und hier tut die Bahn mit ihrer Preiserhöhung genau das, was wirtschaftlich gesehen von ihr erwartet wird, was geradezu ihre Pflicht ist. Die Bahn ist kein Sozialamt, ebensowenig, wie es Mineralölunternehmen sind! Jeder, der in ein Unternehmen investiert, tut das primär, um einen Gewinn zu erwirtschaften, nicht um die Geldbörse anderer zu schonen. Wenn der Gewinn nicht stimmt, warum sollte man dann investieren? Etwas anderes zu erwarten wäre naiv.
(Oops, Beim Marketing, da könnte man natürlich noch dazulernen. Denn die ursprünglich geplante und nun anscheinend auch auf politischen Druck hin zurück genomme Beratungsgebür ist natürlich ein Marketing-Desaster. Das ist ungefähr so, als müsste ich im Supermarkt noch einmal extra dafür bezahlen, dass ich bezahlen darf. Solche Kosten werden eigentlich geschickterweise in einer Mischkalkulation und damit den endgültigen Preisen versteckt. Beim Supermarkt oder ander Tankstelle bezahle ich meine Anteil am Lohn der Kassiererin oder des Kassierers, wie auch die Kosten für Rabatte und Kaufprämien schließlich auch mit meinem Joghurt oder der Wurst oder dem Benzin, je nachdem. Vielleicht wollte man bei der Bahn die Kundschaft mehr zu den Automaten hin lenken (wiederum im Sinne einer Senkung der Personalkosten und damit einer Gewinnoptimierung), doch von der öffentlichen Wirkung her, war das katastrophal – wirklich ungeschickt. Man wird die Lektion aber wahrscheinlich jetzt gelernt haben.)
Mein Fazit: Wenn die Bahn an die Börse soll, muss sie sich marktwirtschaftlichen Prinzipien unterwerfen, nicht sozialpolitischen. Wie dieses Wort schon sagt, ist die Politik für das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft zuständig und daher ist diese zu kritisieren, wenn das Gebaren des Unternehmes Bahn auf Gewinnoptimierung und nicht auf Sozialleistung hin ausgerichtet ist. Denn diese Ausrichtung ist mit einer politischen Entscheidung für eine Privatisierung und dem Börsengang des Unternehmens Bahn gewollt oder zumindest bewusst in Kauf genommen worden.
Was jetzt von der Kritik so einiger Politker in diesem Zusammenhang oder gar ihnen selbst zu halten ist, mag jeder selbst beurteilen.