Nein? Ist Bohlen kein Vorbild? Dass Sie sich da mal nicht täuschen. Immerhin scheint es, als verdiene der Mann durch leichte Arbeit wie herumpöbeln und ein bisschen Tralala jede Menge Geld, habe eine Menge Sex mit hübschen jungen Frauen und könne sich benehmen, wie er wolle - gerne auch daneben - und werde immer noch als cool und als Star angesehen. Mehr noch, er mache Stars…
So, und welcher pubertierende Junge wünscht sich das nicht, Reichtum, Sex und Berühmtheit? Klar ist Bohlen so Vorbild. Und vergessen wir nicht: Eine Menge unserer Kinder und Jugendlicher beziehen den größten Teil ihrer Informationen darüber, wie es in der Welt und im Leben so läuft, aus den Medien, hauptsächlich dem Fernsehen und dem PC. Darüber hinaus spielt die größte Rolle die Peer-Group, also Gleichaltrige. Das funktioniert einfach nach dem Motto:
Was ich immer wieder sehe, das ist normal und wahr!
Und genau das ist es, was verschiedene Altersfreigaben für Filme wie auch PC-Spiele usw. rechtfertigt: Was ich immer wieder sehe, das ist normal und wahr - es sei den, ich bin von meiner Persönlichkeit her schon so gefestigt, dass ich schon genügend eigene Erlebnisse und Erfahrung im und über das Leben habe, dass ich ich Einflüsse von Außen relativieren kann. Dazu bedarf es Zeit, Zeit, die Kinder und Jugendliche aufgrund ihres Lebensalters einfach noch nicht gehabt haben können und die durch nichts zu ersetzen ist. Und es bedarf (natürlich) des Einflusses verantwortlicher Erwachsener (Eltern, Lehrer, Erzieher u.a.), die den Medienkonsum zuersteinmal nicht überhand nehmen lassen. Denn zwei bis vier oder gar mehr Stunden Medienerziehung, die es bräuchte, um sich gegen das durchzusetzen, was da zwei, drei, vier oder auch mehr Stunden pro Tag ansonsten auf unsere Sprösslinge einprasselt und ihr Weltbild prägt, hat niemand. Das ist aussichtslos.
Schauen wir mal, was da so im Spannungsfeld von Medien und Peer-Group (unbeabsichtigt natürlich) für ein Weltbild transportiert wird. Die folgende Liste ist sicherlich etwas übertrieben, aber nicht so sehr, wie man meinen könnte und sie ist an Klischees sicherlich nicht vollständig.
- Cops (Polizisten) sind unehrlich und korrupt, es gibt nur wenige Ausnahmen.
- Politiker, Manager usw. ebenso. Sie sind nur auf Macht und Geld geil.
- Beide Gruppen sind grundsätzlich mitteinander verfilzt.
- Ein Mann ist dann cool, wenn er möglichst viele Frauen ‘flachgelegt’ hat.
- Frauen müssen grundsätzlich sexy sein und gelten über 25 als alt. Sie sind dann sexy, wenn sie jeden haben können. Tun sie es aber, sind sie widerliche Schlampen. (Tja, manche Auffassungen ändern sich anscheinend nie.)
- Alle Menschen (bis auf Alte) sind grundsätzlich nur auf Geld und Sex aus.
- Man benötigt unbedingt Waffen, um sicher zu sein. Es ist ein Fehlernicht bewaffnet zu sein.
- Wem Blut, Leichen, Grausamkeiten nichts ausmachen, der ist stark. Wer so etwas nicht sehen möchte/kann ist ein Weichei.
- Schöne Menschen sind gut, hässliche sind schlecht, unehrlich, hinterhältig, gemein, brutal, Dicke sind dumm.
- Wenn schöne Menschen brutal sind, hat das einen guten Grund.
- Brutale Rache ist gerecht.
- Ich selbst bin immer der Gute, Fehler zuzugeben ist ein Zeichen von Schwäche.
- Alte Menschen sind uncool und eigentlich wertlos.
- Lesen ist langweilig und ohne Action.
- Menschen haben Positionen nicht, weil sie irgendwie einfach besser sind, nicht etwa aufgrund von Bildung und durch harte Arbeit erworbene Fähigkeiten (und wenn letzteres doch einmal zutreffen sollte, ging es zumindest ganz schnell).
- Eltern nerven nur und Lehrer sind eigentlich doof, Polizisten sind zwar korrupt, aber wenigstens bewaffnet.
- Wer arm ist, ist selbst schuld. Ausnahme: Wenn ich selbst arm bin, sind andere Schuld, die mir mein Recht auf Geld verweigern.
- Nur der Kick bringt’s und der muss immer öfter und stärker sein (man muss ja ständig andere übertreffen können).
- Psychische Abhängigkeit ist der Gipfel der romantischen Liebe (okay, das gab es auch schon bei Shakespeare…aber nicht so oft).
- Bei Gericht wird viel geheult und es ist völlig normal, dem Richter ins Wort zu fallen.
- Der Staat ist unser Feind und bringt uns nichts.
Ja, ja, ich weiß: Nicht alles, was beispielsweise im TV gesendet wird ist so. Aber Jugendliche schauen nun mal nicht den Musikantenstadl (wenigstens die meisten nicht). Und auch nicht alle Jugendlichen haben so ein verzerrtes Weltbild - Gott sei Dank nicht einmal die meisten. Aber gerade die, die durch gesetzeswidriges und/oder gewalttätiges oder selbstschädigendes Verhalten Probleme machen, haben es oft. Und gerade die orientieren sich oft an dem, was für sie eigentlich ungeeignet ist. Das Verbot für unter 18-Jährige ist eher ein Gütesiegel, die ständige Reizerhöhung ein Muss - und ein Suchtsymptom.
Denn was eigentlich alle Menschen brauchen, z. B. positive Beachtung durch andere Menschen, finden viele immer weniger. Medien liefern hier nur so eine Art Surrogat-Extrakt. Es schmeckt süß - aber es stillt nicht den Hunger. Wie sehr sich manche Menschen und gerade Jugendliche nach Beachtung sehen, und welche Pein sie dafür auf sich nehmen, ist ebenfalls in den Medien zu sehen. Und da kommen wir wieder zu DSDS:
«Beleidigende Äußerungen und antisoziales Verhalten werden genau wie in der letzten Staffel als Normalität dargestellt. So werden Verhaltensmodelle vorgeführt, die den Erziehungszielen wie Toleranz und Respekt entgegenwirken und eine desorientierende Wirkung auf Kinder ausüben». (Hervorhebung durch home42)
Mit diesen Worten wird der Vorsitzende der KJM (Kommision für Jugendmedienschutz) Wolf-Dieter Ring in der netzzeitung zitiert. Der Mann hat Recht, finde ich. Kinder und Jugendliche suchen nach Orientierung. Sie ahmen nach, was Erfolg verspricht (das ist eigentlich Teil eines gesunden Lerninstinkts). Und Dieter Bohlen ist erfolgreich… wer will das nicht auch…?
Sicherlich ist Bohlen nicht allein Schuld an allen Problemen und auch nicht das einzige Vorbild. Aber vielleicht ist das Vorgehen des KJM gegen den Sender ein Anlass, sich Gedanken zu machen, wie man nicht nur Werte fordert, sondern auch selbst transprotiert. So, oder so!
(P.S.: Leider finde ich den Artikel nicht mehr, in dem auf Studien hingewiesen wurde, die eine zunehmende Gewaltsucht belegten. Sollte ihn jemand finden: Bitte Verweis unten anfügen.)