Eigentlich dachte ich, dass die Folgen der US-Hypothekenkrise sich so langsam legen oder verwachsen müssten.Aber bei näherem Hinsehen vermehren sich die Falten auf meiner Stirn. Nun bin ich wahrlich kein Finanz- oder Wirtschaftsexperte, aber: Die jüngsten Meldungen aus der Finanzwelt zeigen, dass auch ein Jahr danach ein Ende der Krise immer noch nicht in Sicht ist.
Noch immer reagiert die Finanzwelt höchst nervös. Gerüchte um die drohende Insolvenz der zwei größten Hypothekenfinanzierer, Fannie Mae und Freddie Mac (die heißen wirklich so), sorgten in den letzten Tagen für Wirbel an der Wall Street und haben laut netzzeitung “bei der US-Regierung die Alarmglocken schrillen lassen“. Die Aktien der beiden Unternehmen brachen zeitweise um mehr als 50 Prozen ein, wie die ftd meldet.
Führende Köpfe der US-Finanzpolitik wie Finanzminister Henry Paulson und Fed-Chef Ben Bernanke bemühten sich offenbar hektisch, die Wogen zu glätten und die beiden Häuser zu unterstüzten und zu stabilisieren. Denn ein “Ausfall wäre laut Experten kaum verkraftbar“. (netzzeitung)
Das Horrorszenario, dass anscheinend hinter dieser Nervosität steckt, ist, dass im Falle des Zusammenbruchs eines oder mehrerer großer Finanzdienstleister “eine Kernschmelze im Finanzsystem” erfolgt, “die eine Insolvenz von Kreditinstituten reihenweise auslöst“. Knapp an einer solchen Katastrophe vorbei geschrammt ist das Finanzsystem offenbar schon im Frühjahr. Damals stand die Investmentbank Bear Stearns kurz vor dem Zusammenbruch. Auch sie wurde vom US-Finanzministerium und der Notenbank gestützt und eine geordnete Übernahme durch JP Morgan ermöglicht – ein massiver Eingriff in den Markt.
Dabei ist womöglich nicht einmal wirklich klar, ob nicht vielleicht bewusst gestreute Gerüchte über Liquiditätsengpässe Bear Stearns erst in die prekäre Lage gebracht haben könnten, wie JP Morgan-Chef Jamie Dimon offenbar vermutet. Selbst der Chef der US-Börsenaufsicht (SEC) Christopher Cox räumte laut ftd ein, dass Bear über einen Mangel an Vertrauen und nicht an Kapital gestolpert sei. Im Verdacht stehen offenbar einige Hedge-Fonds, die hierzulande so genannten ‘Heuschrecken’, die vor allem auf kurzfristigen Gewinn aus sind.
Und dass diese Geschehnisse nicht nur im fernen Amerika gefährlich sein können, zeigen die Beispiele von den in Turbulenzen geratenen deuschen Bankhäusern IKB, SachsenLB, WestLB und BayernLB.
Sollte es aber zu der Kernschmelze im Finanzsystem kommen, steht vermutlich ein großer Teil der wirtschaftlichen Entwicklung in den USA auf dem Spiel – und damit auch ein großer Teil der Entwicklung der Weltwirtschaft. Ob das andauernde Wachstum der Wirtschaften einiger Schwellenländer über längere Zeit die Weltwirtschaft stabilisieren können, erscheint mir fraglich. Die Lage wirkt überaus labil, wenn womöglich schon Gerüchte solch schwer wiegende Auswirkungen haben. Erschreckend auch die Rolle von Rating-Agenturen bei der andauernden Finanzkrise, deren Bewertungen wohl nicht immer so objektiv sind, wie gedacht – um es milde auszudrücken. (via Zeitcollector)
Und das nächste Ungemach dräut schon am Horizont. Denn längst haben sich an den Rohstoffmärkten ähnlich komplizierte und unüberschaubare Produktstrukturen etabliert wie seinerzeit am Hypothekenmarkt. Die Rohstoffrally belastet nicht nur jetzt schon den Normalverbraucher, sie schürt auch Ängste vor einer Blase, die platzen könnte. Damit könnte Otto Normal zum doppelten Verlierer werden. Kritiker warnen:
Hoffnungen auf fallende Rohstoffpreise im Falle des Platzens einer etwaigen Base dürften dabei von Befürchtungen für die Weltkonjunktur für den Fall des Zusammenbruchs von Märkten relativiert werden. Denn bei einem Zusammenbruch der mit den Rohstoffmärkten natürlich verflochtenen Finanz- und/oder Aktienmärkte könnte es auch in anderen Teilen der Wirtschaft zu Liquiditätsproblemen und in der Folge womöglich zu massenhaften Insolvenzen kommen.
Und genau das macht mir Sorgen:
Die offenbar nur scheinbare Vielfalt der Produkte und Akteure auf den verschiedenen Märkten, die dann doch so mannigfaltig miteinander vernetzt sind.
Hoffen wir, dass diese Vernetzung nicht irgendwann die eines Strickpullovers ist, dessen vielfältige Reihen, Maschen und Muster letzlich aus einem einzigen Garnfaden bestehen. Reißt dieser an einer Stelle, ist das ganze Kleidungsstück in Gefahr.
Hier hat die Politk, denke ich, noch ein großes Aufgabenfeld zu beackern. Möglicherweise hat die ganze Sache noch etwas Gutes: Sie zeigt meines Erachtens nach ganz deutlich die Notwendigkeit des Primats der Politik über die Wirtschaft, wenn statt Wachstum nicht Wucherungen das Gesamtsystem in Gefahr bringen sollen. Dass natürlich auch die Wirtschaft die Politik beeinflusst, tut dieser Aussage, denke ich, keinen Abbruch.

0 Antworten bis hierher ↓
Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.