Das Leben usw.

Erfahrungsbericht: Von Debian Etch (stable) auf Debian Lenny (testing)

März 7, 2008 · 6 Comments

Dass der Debian-Entwicklungszweig testing, der die kommende Debian GNU-Linux-Version Lenny beinhaltet durchaus stabil ist, hat sich auch bis zu mir herumgesprochen. Schließlich basieren eine ganze Reihe von anderen Distributionen (wie z. B. auch Ubuntu usw.) auf diesen Programmpacketen. Also warum sollte ich das nicht mal probieren. Der Rechner: Ein IBM ThinkPad R51. (Jawohl, damals hatte IBM die Notebooksparte noch nicht verkauft!)

Achtung: Für die im Folgenden beschriebenen Vorgehensweise und Ergebnisse kann ich natürlich keinerlei Garantie übernehmen. Sie beziehen sich lediglich auf meine persönlichen Erfahrungen.

Mein bisheriges Debian Etch, also die als stable geltende Variante (auch Debian 4) ist zwar nicht nur stabil, sondern kann mit Fug und Recht als digitaler Beton bezeichnet werden. Einige Programm-Versionen waren mir aber doch zu alt. (Okay, bei den meisten Programmen war mir das egal, aber eben nicht bei allen.) Beispielsweise basket, eine System digitaler Ablagekörbe, das ich auch als Informations-Manager bezeichnen möchte. Es ist auf den Etch-Repositories in einer Version 0.5.irgendwas zu finden. Aktuell ist aber schon die Version 1.0.2, die dann auch in testing enhalten ist - samt Plug-In für die KDE PIM-Suite Kontact. Naja, und so findet sich noch so einiges. Damit die Verwirrung für Nicht-Debianer hier nicht zu groß wird, noch einmal eine kurze Übersicht über die verschiedenen Entwicklungszweige des Debian-Projekts:

  1. Zur Zeit als stable bezeichnet wird die Ausgabe Etch, wie alle anderen Varianten auch nach Figuren aus dem Film Toy-Story benannt. Der stable-Zweig ist sozusagen die ‘offizielle’ Ausgabe von Debian GNU-Linux. Wie der Name schon sagt, gilt sie als stabil. Und das heißt wirklich stabil, also nicht stabil nach Microsoft-Maßstäben, sondern nach wenn-dein-Schicksal-davon-abhängt-Maßstäben. Eben digitaler Beton!
  2. Der testing-Zweig ist sozusagen die kommende Version von Debian GNU-Linux. Hier werden auch noch aktuelle Programmversionen eingebaut und, wie der Name schon sagt, gestestet. In einem Forum habe ich allerdings einen Beitrag vom Mai gelesen (kurz nach dem Erscheinen von Etch), dass man mit seinem Notebook jetzt getrost auf testing umsteigen könne. Diese kommende Version hat den Code-Namen Lenny. Voraussichtlich in einem halben Jahr, wie auf Pro-Linux gerade zu lesen war, wird Lenny dann zu stable erklärt und in der Testphase befindet sich die nächste Version, die derzeit noch als Entwickler-Version läuft. Nebenbei: Etch geht dann auf’s Altenteil und wird als old stable bezeichnet.
  3. Diese Entwickler-Version wird als unstable bezeichnet. Sie wird für normale Anwender nicht empfohlen, bzw. diesen wird explizit abgeraten. Der Code-Name für Debian unstalbe ist Sid. Diese Version wird aber nie unter diesem Code-Namen erscheinen. Er ist sozusagen nur ein Arbeitstitel. Alle unstabilen Versionen tragen den Namen Sid. Er war der Bösewicht im Film und man kann sich seinen Namen mit Sid is dangerous merken. Und dann sind meine Daten eben auch still in danger, wenn ich Sid da ran lasse. Wenn Sid dann in die Testphase geht, bekommt sie einen anderen Namen aus Toy-Story.

Nun aber genug der Hisorie. Weitere Informationen gibt es übersichtlich hier.

Ich gebe es zu, ein wenig mulmig war mir schon. Immerhin steckt in einem fertig eingerichteten und auf persönliche Verhältnisse angepassten System ja eine Menge Arbeit - und wer hat schon Lust auf ewig lange Konfigurations-Orgien nach einem Upgrade. Aber andererseits wird bei Debian nicht nach festen Release-Zyklen entwickelt, so dass nicht damit zu rechnen war, dass aus Zeitdruck irgendetwas gepfuscht, weggelassen oder irgendwie halbherzig zusammengepfriemelt ist. Das sehe ich als einen großen Vorteil bei Debian an. Es ist fertig, wenn es fertig ist, nicht vorher, so einfach ist das!

Meine Daten waren auf einer externen Platte gesichert und da mein home-Verzeichnis auf einer gesonderten Partition lagert (mitsamt allen persönlichen Konfigurations-Dateien), sollte das Ganze dann eigentlich über die Bühne gehen, wie ein Motorwechsel beim Auto. Alles drumherum bleibt erst mal wie es ist. Tuning-Möglichkeiten würde ich vielleicht später nutzen.

Und tatsächlich, so ging das dann auch, obwohl ich einige ‘Fehler’ gemacht habe. Im Wesentlichen bestanden die darin, das Dist-Upgrade in einem Konsolen-Fenster unter der grafischen Oberfläche KDE durchzuführen. So konnte dpkg, der Debian Package-Manager momentan laufende Programmen nicht richtig konfigurieren und brach, soweit ich das beurteilen kann, die Konfiguration dieser Programm-Pakete einfach ab (Schluck!). Ein anderer Fehler war, dass ich außer KDE auch noch GNOME installiert hatte, was eine riesige Menge an Daten bedeutete, die alle durch einen verdammt dünnen und langen Draht mussten. Das war auch mit DSL-6000 kein Pappenstiel. Auch nicht, weil diese Daten ja noch verarbeitet werden mussten. Aber gut: Ich war neugierg und da schwingt ja das Wort gierig, also eine gewisse Ungeduld, mit.

Schritt 1: Die sources-list bearbeiten. Hier sind die Repositorys verzeichnet, von denen man die Software während des Installationsvorgangs herunterlädt. Das ging am schnellsten mit dem Komando

kdesu kate /etc/apt/sources-list

und dem notwendigen Eingeben des Passwortes. Dann einfach alles was Etch hieß auf Lenny geändert und alles was stable hieß auf testing. Leider gab es hinterher ein paar Beschwerden wegen unofficial-Repositories, also welche, die keine offiziellen Debian-Quellen sind. Vor die habe ich dann in der sources-list einfach eine Raute (#) gesetzt , so dass sie nur als Kommentar gelesen werden.

Schritt 2: jetzt geht’s los. Alt-F2 gedrück, konsole eingegeben, Benutzerwechsel mit su root und anschließender Eingabe des benötigten Passworts, und dann das Kommando

aptitude update && aptitude dist-upgrade.

(Boah! Ich bin ein Hacker!) Der Erste teil fordert den Paket-Manager aptitude auf, die Paketquellen neu einzulesen. Schließlich muss er ja wissen, was es da alles zu holen gibt. Der zweite Teil, war dann die Aufforderung, nun endlich loszulegen. Beide praktischerweise mit && aneinander gehängt. (Deswegen mein Hacker-feeling.)

Dummerweise brach der Vorgang nach relativ kurzer Zeit ab. Mist! Konlikte. 7 unaufgelöste Abhängigkeiten. Ob er denn noch mal stärker suchen solle, fragte mich mein digitaler Kamerad (Y/n?). Aber natürlich, antwortete ich ihm. Das Ergebnis war das gleiche.

Um es kurz zu machen, die Lösung war:

apt-get update && apt-get dist-upgrade.

Irgendwie scheint apt-get mit Abhängigkeiten besser umgehen zu können. Jedenfalls konnte ich geraume Zeit anschließend mit anderen Notwendigkeiten des Lebens verbringen, so lange die Daten heruntergeladen wurden.

Bei der Installation kam dann zunächst der Schreck (”error dies, error jenes”), von dem ich oben schon berichtete. Er lässt sich vermeiden, wenn man die grafische Sitzung nach dem Ändern der sources-list beendet (ein Bekannter von mir findet alles Grafische sowieso überflüssig- er würde wohl auch einen Supercomputer mit dem Display eines vor zehn Jahren ausgedienten Handys bedienen). Das einzig problematische an meiner Vorgehensweise war aber, wie sich herausstellte, nur, dass mein System die abgebrochenen Konfigurationen nachholte, als ich später den grafischen Installer Synaptic bediente um das erwähnte basket nachzuinstallieren. Und damit alles übernommen wurde war dann ein Neustart der grafischen Oberfläche notwendig. Das vermute ich jedenfalls. Sicherheitshalber habe ich ihn durchgeführt, damit auch Kernelmodule, die möglicherweise noch nicht geladen sind, zum Zuge kommen..

Vorher gab es noch einen kleinen Vorfall, der darin bestand, dass eben nichts vorfiel. Bei der Meldung “setting up ssl-cert” tat sich bestimmt 5 Minuten lang gar nichts. Aber dann ging alles reibungslos weiter. Zwischendurch wurde ich zwei oder drei mal nach dem Umgang mit bestehenden Konfigurations-Dateien gefragt, worauf ich, mangels weiterer Kenntnisse einfach die Default-Werte abnickte. Und nach der im vorigen Abschnitt erwähnten Prozedur mit Synaptic und Neustart lief alles. Lediglich beim neu mitgelieferten Open-Office 2.3 wurden meine Ansichts-Einstellungen nicht übernommen (ich habe immer ein Stylist-Fenster angedockt. Aber Drucker, Sound, Verbindungen usw., fast alles läuft - ganz unspektakulär.

Probleme auf meinem System:

Beim Scannen gab es leichte Probleme: Xsane produzierte kein brauchbares Vorschaufenster und die Scan-Auswahl ließ sich nicht einstellen. Folg: Es wurde immer nur ein schmaler Streifen gescant und das auch noch in unbrauchbarer Qualität. Xscanimage funktionierte etwas besser, lieferte aber leider auch lausige Scanergebnisse - unbrauchbar. Dafür freundete ich mich mit kooka an, dass ich bis jetzt immer gemieden hatte (es lag mir nicht so). Nicht nur, dass kooka inzwischen sehr gut zu bedienen und übersichtlich ist, es lieferte mit meinem Epson Perfection 2400 auch exzellente Scan-Ergebnisse. Was will man mehr?

Der Abgleich mit meinem Palm Tungsten/E2 funktioniert immer noch nicht. Woran es liegt weiß ich nicht. kpilot stürzt schon bei der automatischen Erkennung des PDAs ab. Interessanterweise der Daemon nicht. Der meldet sich aber anschließend handlungsunfähig lässt sich aber sogar problemlos neu starten. Genützt hat’s nix. zwischendurch habe ich mit gnome-pilot und Evolution als PIM-Suite eperimentiert. Der Abgleich funktionierte, obwohl ich gar kein Programm sehen konnte, das ihn durchführte. In der Konfiguration von gnome-pilot konnte ich aber nicht erkennen, wie man Installationen auf dem PDA durchführen könnte. Vielleicht mit dem File-Conduit? Wie auch immer: Hier hatte ich nach einigem Herumprobieren massive Probleme mit Evolution. Wahrscheinlich liegt es an mir - vermutlich… - aber ich weiß es nicht. Das Programm strürzte immer wieder ab oder wollte einen Fehlerbericht senden, was aber auch nicht ging. Vielleicht habe ich bei der E-Mail-Konfiguration irgend einen Knoten gebaut.

Der PDA-Abgleich ist für mich ein massives Problem. Mein Hauptverdacht richtet sich übrigens gegen den PDA selbst. Zwar war ein Problem mit einer leeren Dateizeile, über das ich schon früher berichtete möglicherweise auch auf Software von Drittanbietern zurückzuführen. Diese hatte ich aber inzwischen entfernt und sogar Hardware-Resets beim PDA durchgeführt. Einen Test könnte ich nun höchstens noch mit der Original-Palm-Software unter Windows durchführen. (Na toll…) Aber was hätte ich davon?

Ich ersehne mir Geräte, auf die ich mittels USB und Massenspeicher-Modus zugreifen kann - mit offenen Dateiformaten. Wo, wie es jetzt läuft, habe ich den Eindruck, bei PDAs würden mit einigem Aufwand and proprietären Formaten überhaupt erst unnötige Probleme geschaffen.

Aber auch die PIM-Suite kontact hat anscheinend Probleme - zumindest im Zusammenwirken mit dem oben erwähnten basket. Kontact stürzt schlicht und einfach beim Start ab, es sei denn, basket wurde schon vorher gestartet. Dieses nämlich scheint hartnäckig auf der Vorherrschaft bei den beiden zu bestehen. Es will nicht nur zuerst gestartet werde, auch die Möglichkeit per Tastatur in kontact zwischen den verschiedenen Modulen körbe (das ist das basket-plug-in) und beispielsweise Nachrichten (akregator) oder Mail (kmail) o. a. umzuschalten, wird auf die Möglichkeit eingeschränkt, basket auszuwählen. Zurück geht es aber nicht mehr, zumindest nicht per Tastatur. Auch eine Änderung des Shortcuts brachte nur vorübergehend Abhilfe. Also: basket zuerst starten, dann kontact. Wahrscheinlich wird das noch behoben, bis Lenny als stable erklärt wird.

Etwas kurios fand ich, dass GIMP nicht installiert war, obwohl ich es bei meiner Etch-Installation auf der Platte hatte. Aber ein paar Klicks im Paketmanager synaptic später hatte ich dann mal wieder Hunderte von Euro für ein komerzielles Produkt gleicher Güte gespart. Empfehlung: Unbedingt testen!!!

Massive Fortschritte bei WLAN und Suspend:

Ich bin begeistert. WLAN einschalten. Geht. Suspend to RAM beim Schließen des Deckels war nicht eindeutig konfiguriert, aber ein Klick im Kontrollzentrum und alles lief super. Übrigens: Im Gegensatz zur alten Installation (Etch) scheint sich hier nichts mehr mit dem USB-System zu beißen. Da fällt mir ein, dass ich Suspend to Disk noch gar nicht probiert habe. Aber bei der Startgeschwindigkeit neuerer Linux-Distributionen (auch schon bei Etch) lohnt sich Suspend to Disk m. E. sowieso nicht. Windows-User mögen sich nach dem Drücken des Einschaltknopfes ja noch einen Kaffee kochen, bei Linux sollte man das vorher erledigt haben. Die Zeit reicht gerade noch für das Hinzufügen von Milch und Zucker mit Umrühren.

Ein Tipp noch für Neueinsteiger: Wer wie ich feststellen sollte, dass das System zunächst noch etwas hakelig läuft, der lasse das Gerät einfach mal eine halbe Stunde leer laufen. Viele Aufgaben erledigt Linux im Hintergrund, so z.B. die Wartung des Dateisystems oder die von mir installierte Datei-Indizierung kerry. Das kostet jetzt nach dem Upgrade erst einmal etwas Rechenzeit. Nach einiger Zeit des (vermeintlichen) Leerlaufs, läuft jedoch alles wieder wie geschmiert.

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6 responses so far ↓

  • zeitcollector // März 9, 2008 at 12:25

    Wenn Lenny stable raus ist, werde ich mich auch mal daran versuchen.
    Ich denke mal, das Debian das wert ist. :-)

  • palmte // März 9, 2008 at 9:00

    Habe gnome-pilot + evolution installiert. Sync funktionierte auf Anhieb. (Sony Vaio + Palm Tungsten E + Debian Lenny).

  • palmte // März 9, 2008 at 9:04

    PDA-Files werden durch DragAndDrop auf das Gnome-Pilot-Applet installiert. Habe ich aber selbst noch nicht getestet.

  • home42 // März 10, 2008 at 7:35

    @ palmte
    (Sinniger Name in diesem Zusammenhang) Danke für die Rückmeldung. Vielleicht werde ich es noch einmal probieren. mein /home-Verzeichnis ist schon etwas älter, d.h. vielleicht ist da auch irgendwelcher Murks in den entsprechenden versteckten Konfigurations-Dateien. Habe schon mal /.kde gelöscht… aber dann schnell wieder zurückgesichert, weil ich dann erst mal doch nicht sooo viel neu konfigurieren wollte. Gnome hatte ich erst mal wieder weitgehend entfernt. Aber wie gesagt, vielleicht probiere ich es doch noch mal.

  • home42 // März 10, 2008 at 7:47

    Ach nee, jetzt weiß ich, warum es bei Dir geklappt hat und bei mir nicht: ich benutze den Nachfolger Tungsten E/2! Mit dem älteren Tungsten E war bei mir auch alles super (auch mit kpilot). Der ist nur leider inzwischen platt. (Deshalb jetzt E/2 und leider der ganze Ärger.) Trotzdem: Danke!

  • Helmut K. // April 20, 2008 at 5:22

    Hallo,

    sehr schöner Artikel, hat Spaß gemacht ihn zu lesen!

    Bin als Debian-Neuling auf dem Notebook kürzlich auch von Etch auf Lenny umgestiegen. Und Lenny läuft immer noch stabiler, als so manch anderes OS! :D

    Gruß
    Helmut

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