Am Samstagabend war es soweit. Statt Ubuntu tut nun Debian “Etch” seinen Dienst auf meiner Denk-Matte (IBM ThinkPad R51). Die Basis-Installation nahme ich von der der PC-Welt Linux-Sonderausgabe 07/2007 beigelegten DVD vor. Dort bot sich die Möglichkeit auch einige andere Systeme als Live-DVD ohne Installation zu testen. Debian ließ sich allerdings nich live testen, sondern nur installieren.
Vorweg: die Installation war sehr einfach, abgesehen vom Partitionieren. Aber Das lag daran, dass ich dabei alles “zu Fuß” erledigen musste, weil neben Linux für einige spezielle Programme, die ich beruflich brauche, noch WinXP und die dazugehörige Installationspartition auf der Platte ist. Kompiziert machte es auch, dass ich schon bei der letzten Distribution eine /home-Partition mit meinen sämtlichen Anwenderdaten eingerichtet hatte, die ich nun möglichst übernehmen wollte, ohne sie anzutasten. Dummerweise ließ sich dadurch nicht aller frei werdender Platz ein einem Stück neu partitionieren. Die “/”, also die Root-Partition, in der die wesentlichen Daten des Betriebssystems abgelegt werden, e ich aber erweitern. Die einst für Kubuntu gewählten 5 GB waren definitiv eng. Nun sind es knapp 12 GB, so dass für viel Software Platz ist. 1,6 GB für die Swap (Auslagerungspartition) bei 1 GB RAM erschienen mir genug, der Rest ist /home.
Wer ein System komplett neu aufsetzt und die ganze Platte dafür frei hat, kann es sich einfach machen. Debian Etch macht Vorschläge, die man getrost übernehmen kann - auch einer mit einer Crypto-Partition (also komplett verschlüsselt) ist dabei.
Ohne jetzt die gesamte grafische Installationsprozedur zu beschreiben, kann ich sagen, dass Debian den Benutzer extrem gut führt, an entscheidenden Stellen (wo der Profi vielleicht spezielle Einstellungen wählt) die richtigen Hinweise gibt und vor allem immer informiert, was es gerade macht. Ich kenne zwar Leute, die das vielleicht als “geschwätzig” empfinden, aber für mich ist es beruhigend, wenn ich weiß, der Rechner macht dies und das und ist nicht etwa hängen geblieben, nur weil die Platte gerade keinen Krach macht. Während der Installation wird auch gleich ein Netzwerkzugang eingerichtet, von dem Patch-Updates oder neue software heruntergeladen werden kann. Die gesamte Installation dauerte, zieht man die Zeit für meine speziellen Probleme ab, knappe 60 Minuten auf meinem etwas betagten Rechner mit Pentium M 1,7 Mhz. Und: Starten tut das System jetzt in knapp 70 Sekunden. Im Vegleich: Beim Start von WinXP muss ich mich immer mindestens einmal rasieren.
Nicht ganz unerwartet: Debian startet zunächst mit dem GNOME-Desktop. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei der Installation nicht übersehen habe, wo man das ändern und KDE auswählen kann. Leider habe ich den Linux-Grundsatz “Don’t drink and root!” nicht beherzigt und vorher auch schon Fedora 7 ausprobiert, so dass ich vielleicht etwas träge in meiner Reaktion oder Auffasssungsgabe war. Das zeigt uns aber: Debian ist trotz fortgeschrittenem Alkoholkonsums noch sauber zu installieren. Übrigens: einige andere Window-Mannager liefert das System gleich mit.
Im Gegensatz zu (K)Ubuntu verlangt Debian - wie bei Linux eigentlich üblich - dem Benutzer ab, einen Root-(Administrator- und einen mit eingeschränkten Rechten versehenen User-Account anzulegen, beide mit eigenem Passwort. Üblich ist die Administration des Systems mittels Kommandozeile, aber auch das Einloggen unter einer grafischen Oberfläche ist möglich, wenn man beim voreingestellten grafischen Login-Bildschirm im Menü den Punkt Konsole-Login wählt und am daraufhin erscheinenden Prompt den Benutzernamen und dann nach Aufforderung das Root-Passwort eingibt.
Anwendungen, die Administratorrechte benötigen, wie z. B. die Software-Paket-Verwaltung “Synaptic” (ein grafisches Frontend für “apt”- advanced package tool) fragen nach dem Root-Passwort. War das nicht auch bei Kubuntu so? Ja, so ähnlich, nur dass hier sudo mit User-Passwort verwendet wurde, mit einigen Begleiterscheinungen und auf der Systemkonsole auch Fehlermeldungen, die mir nicht unbeding Vertrauen einflößten.
Nächster Schritt für mich: Die KDE-Desktop-Oberfläche installieren und GNOME loswerden (ein KDE-User sagte einmal: “Ich benutze keine kleinen Menchen!” - obwohl Gnome nur 4 Zehen hat). KDE Installieren ist so einfach, wie Gnome loszuwernden. Einfach Synaptic starten - entweder über System-Adminstration oder über die Tasten Alt-F2 und das Eingeben von Synaptic im daraufhin erscheinen Fenster - und über Suche kde finden. Rechtsklick, zum auf Installieren vormerken und dann auf Änderungen anwenden, und schon ist alles gegessen.
Hier würde ich dann doch einen eigentlich Linux untypischen Neustart empfehlen oder zumindest muss die Sitzung beendet werden und als KDE-Sitzung neu gestartet werden.
Dank meines Freundes Wolff von Rechenberg wusste ich auch schnell, wie ich Gnome loswerde: Ebenfalls Synaptic starten und das Paket “libgnome2-commons” auswählen und im Kontextmenü die Komplette Deinstallation auswählen. Änderungen anwenden und der Zwerg ist fort.
Vor- und Nachteile der ganzen Aktion:
Debian ist eine der wohl sichersten und stabilsten Linux-Distributionen überhaupt, abgesehen vielleicht von “Flight-Linux”, dass die NASA in ihren Raumfähren verwendet (mit anders eingestellten Prioritäten für die verschiedenen laufenden Prozesse) und der NSA-Variante SELinux (Security-Enhancend Linux), die aber auch unter Debian einstellbar ist. Beide Varianten basieren aber, soweit ich weiß auf Debian. Eine weiter Besonderheit von Debian ist: Es gibt keinen festen Veröffentlichungszyklus, sondern die Distribution wird jeweils in einer neuen Version freigegeben, “wenn sie fertig ist!”, das heißt, wenn sie den strengen Sicherheits- und Stabilitätskriterien der Debian-Community genügt. Es gibt aber noch mehrere Debian-Zweige. Die aktuell als “stable”, also stabil, freigegebene Ausgabe wird immer mit dem Namen einer Figur aus dem Film “Toy Story” bezeichnet, hier also “Etch”, vorher “Sarge” und davor “Woody”. Die aktuell in der Entwicklung befindliche Version trägt immer den Namen “Sid” (der böse Nachbarsjunge). Dazwischen gibt es noch die in der Testphase befindliche Version “testing”, die eigentlich auch schon sehr stabiel läuft, stabiler als Betriebssystem aus Redmond/Seattle jedenfalls. Auf dieser Debian-Version basieren viele andere Distributionen: Knoppix mischt fröhlich Testing- , Stable und Unstable-Zweig, soweit ich weiß. Dann gibt/gab es noch Kanotix, Sidux (hat nix mit sido zu tun), Dream-Linux aus Brasilien und viele andere (SuSE und Fedora nicht). Auch (K)Ubuntu basiert auf Debian.
Hier zeigt sich der Vorteil der /home-Patition: Debian erkennt diese Partition und schlägt auch gleich bei der (manuellen) Partitionierung vor, diese unangetastet zu lassen. Anschließend sah ich auf dem GNOME-Desktop alle meine vertrauten Icons und Verknüpfungen, da die persönlichen (also nicht globalen) Einstellungen ebenfalls hier abgelegt und ausgelesen werden. Ebenfalls wurde (fast) sämtliche von mir unter Kubuntu zusätzlich zum Basissystem installierte Software installiert. Als ich dann KDE installierte, brauchte ich nicht mal in meinem bevorzugten Browser “Konqueror” die Lesezeichen zu importieren oder in der PIM-Suite “Kontact”, die auch mein Lieblings Mail-Programm “Kmail” enthält, meine perpönlichen Kontaktdaten, Termine oder Aufgaben zu importieren (unter KDE haben viele Programme, die speziell für diese Oberfläche geschrieben wurden das große “K” im Namen). Sogar der Desktop-Hintergrund, das so genannte Wallpaper, wurde übernommen - Komfort ohne gleichen. Das System lief, ich konnte gleich produktiv damit arbeiten.
Ein paar Nachteile gibt es aber auch:
- meine Drucker musste ich neu erkennen lassen - was aber kein wirkliches Problem darstellte,
- wlan läuft noch nicht - benutze ich aber soweso nicht, aber erwähnt werden muss es,
- die verschiedenen Suspend-Modi für meinen Laptop funktionieren noch nicht - hier ist noch Arbeit nötig,
- als User fand ich kein Debian-Wallpaper als Desktop-Hintergund vor - wichtig, weil ich doch jetzt mit einem echten Profi-Linux angeben wollte ( ist aber kein wirkliches Problem, schließlich gibt es ja www.kde-look.org),
- einige wenige Programme musste ich per Hand nachinstallieren, z. B. kdissert, ein geniales Mind-Mapping-Tool, dass Mind-Maps auch in fertige Dokumente verwandeln kann - absolut empfehlenswert, unbedingt testen! -
- auch hier ließ sich ein Root-Desktop nur über den Konsole-Login starten - das macht aber auch, zumindest für Anfänger Sinn: Die Versuchung, ständig mit Admin-Rechten zu arbeiten ist so geringer
- verschiedene Schriftarten mussten noch eingestellt werden, die hat Debian nicht alle übernommen.
Fazit: Welcher Window$-Benutzer würde sich schon träumen lassen, innerhalb einer Stunde ein komplett neues, lauffähiges und sogar produktives System zum Laufen zu bringen - mal ganu abgesehen davon, dass die wohl beste deutsche Computer-Zeitschrift, die c’t,zunächst von der Benutzung der neuen Windows-Variante Vista auf produktiv genutzten Systemen explizit abgeraten hat.
Sicher, beim Powermanagement, d. h. eigentlich bei den Suspend-Modi, ist noch Arbeit nötig. Aber ich bin angesichts der phänomenalen Internet-Unterstützung durch verschiedene Foren (besonders zu Erwähnen auch das deutsche Ubuntu-Forum sehr zuversichtlich, dass ich das alle hinkriege.
Noch ein Wort zu Ubuntu - weil ich auch noch einen kritischen Kommentar bekommen habe -: Ich betrachte (K)Ubuntu nicht als unsicheres System, nur wegen dem “Sudo-” Kommando, aber ich mag es gern so, dass ich das Gefühl habe, dass ich mir über den PC keine Gedanken mehr machen muss. Außerdem möchte ich den Leuten von Ubuntu und persönlich auch Marc Shuttleworth danken, dass sie ein soches Projekt auf die Beine gestellt haben. Ich finde (K)Ubuntu gerade für Einsteiger extrem wertvoll. Es ist m. E. um vieles stabiler und sicherer als bekannte Betriebssysteme aus Redmond. Mn braucht sich keine Gedanken über wlan oder Powermanagement zu machen usw. (K)Ubuntu testet man am besten von CD, und wenn es gefällt, installiert man es - und es läuft.
Ich fühle mich jetzt mit Debian - sozusagen dem Original - wohler und außerdem bin ich, obwohl nur User, ständig dabei, die Linux-typischen Arbeitsweisen mit z. B. der Kommandozeile zu lernen. Dass ich mich jetzt um Suspend-Modi kümmern muss, betrachte ich als Herausforderung und Lernfortschritt. Mein Traum ist es, einen Computer zu benutzen, bei dem ich genau weiß, was auf ihm vorgeht - ein Komfort, den Windows-Benutzer systembedingt nie haben werden.
Ich lasse mir ungern vorschreiben wie ich zu arbeiten habe. Genau da lässt Linux mir die Freiheit.
Dass ich nebenbei schon - wirklich - tausende von Euro gespart habe, ist natürlich erfreulich! Noch wesentlicher ist aber, dass ich unter Linux - gleich in welcher Version und Distribution - das Gefühl habe, dass ich den Computer beherrsche und nicht umgekehrt. Da mit der Software auch die Art und Weise verbunden ist, wie und ob ich an manche Informationen gelange, wächst sich die Benutzung von Linux quasi zum politischen Akt aus. So Mancher bezeichnet Linux schon als “neue soziale Bewegung”. Aber auch, wer nur gute Software, denn das ist im Gegensatz zu Microschrott das Ziel aller Linux-Entwickler - benutzen und dabei auch noch Unmengen von Geld sparen will, ist bei Linux gut bedient. Dass man gerade DebianGNU Linux kopieren, weitergeben usw. darf, ist für mich noch das i-Tüpfelchen.
Wer einmal k3b zum Brennen von CDs/DVDs benutzt hat, wird sich nie mehr nach Nero sehnen. Wer einmal die Konfigurationsmöglichkeiten von KDE schätzen gelernt hat, wird sich bei M$ nur noch eingeschränkt fühlen und wer einmal die Benutzerfreundlichkeit von GNOME (nach kurzer Eingewöhnungszeit) geschmeckt hat, der weiß, dass das gemeinsame Interesse von ganz gewöhnlichen Menschen sogar Global-Playern Paroli bieten kann. Allein das macht Linux schon wertvoll.
Für mich muss ich sagen: Unter Linux beherrsche ich den Computer und nicht er mich! Das Linux-Motto “Have a lot oft fun!” ist für mich Wirklichkeit geworden. Und das wünsche ich auch vielen anderen Menschen. In so fern:
Have a lot of fun!
(Rechtschreibfehler und auch sonstige bitte ich zu entschuldigen, ist schon späte geworden…)
P.S.: Mein ganz persönlicher Dank gilt:
- Linus Thorwalds
- der Debian-Community
- der Ubuntu-community
- der Kasseler Linux-User-Group
- und all den tausenden von freien und Hobby-Programmieren, die meine Software, meine Treiber und meine informationstechnische Freiheit programmiert haben.
Und an alle die, die tagtäglich mit Computern zu tun haben: Vergesst nicht den Adminday - jedes Jahr am letzten Freitag im Juli! (Die meisten Admins arbeiten wesentlich mehr, als sie müssten - damit ihr weiter kommen könnt!)



1 response so far ↓
Wolff // September 11, 2007 at 11:14
Hi,
schöner Review über Etch. Zu deinen Problemen: Um Wlan in betribe zu nehmen musst du über Synaptic (oder was ihr KDE’ler dafür verwendet) das Paket “ipw2200-firmware” installieren. Wahrscheinlich musst du dazu irgendwelche “nonfree” Paketquellen freischalten, weil das Paket meines Wissens nicht unter GPL steht und daher nicht in den Debian-Standardquellen stehen dürfte. Sinnvoll ist auch noch der “network-manager-gnome” (oder was ihr KDE’ler dafür verwendet), Damit ist die Wlan-Konfiguration ein Kinderspiel. Wenn du dich in WPA-geschützte Netze einwählen willst, brauchst du außerdem den WPA-Supplicant. Zu den Schriften: Kopier’ doch einfach die Fonts aus deinem Windoof nach /usr/share/fonts. Dann stehen sie auch unter Linux zur Verfügung. Außerdem würde ich dir die Liberation-Schriften empfehlen, die Red Hat unter freier Lizenz der Community vermacht hat. Dazu Diskussion im Debian-Forum. Soweit mein Beitrag.
Have a lot of fun, wie wir Frackträger sagen
Wolff
Leave a Comment