Turbulenzen im Weltfinanzsystem beherrschbar?

Der IWF (Internationaler Währungsfond) hält die Turbulenzen an den verschiedenen Börsen dieser Welt für beherrschbar.

Zwar erinnert in der Tat einiges an der der heutigen amerikanischen Hypotheken-Krise an die die Asienkrise von 1997: Auch damals wussten zunächst finanzstarke Anleger nicht wohin mit ihrem vielen Geld (ja tatsächlich, solche Leute soll’s geben), und investierten in ohnehin schon überbewertete Aktien und vor allem Immobilien. Die Gier – man könnte natürliche auch sagen, die Notwendigkeit flüssiges Kapital gewinnbringend anzulegen – trieb diesen Trend an. So lange alle mitmachen und im Vertrauen auf zukünftige satte Gewinne weiter anlegen und die Kredite billig sind (es wurde viel mit geliehenem Geld investiert), geht die Rechnung auf – oder eher, es funktioniert zunächst weiter.

Vieles erinnert hierbei interessanterweise an dieverbotenen Schneeball- oder Kettenbriefsysteme: So lange die unterste Schicht immer neue Teilnehmer findet, funktioniert scheinbar alles. Nur kann das gar nicht ewig so weiter funktionieren. Damit auch die unteren Teilnehmer noch verdienen, müsste die Teilnehmerzahl immer schneller (exponetiell) ansteigen. Irgendwann findet erst einer, dann immer mehr Teilnehmer nicht mehr genügend weitere und dann bricht alles zusammen. Sicher, bei den angesprochenen Finanzkrisen ist das kein geplantes und damit illegales System, aber gewisse Effekte ergeben sich anscheinend aus der Psychologie der Anleger im Verbund mit den Rahmenbedingungen unsereres Wirtschaftssystems.

Steigen die Kreditkosten und schwindet das Vertrauen der Anleger in stetig sich vergrößernde Gewinne, bricht alles zusammen – zumindest in betroffenen Teilbereichen.

Allerdings ist die Wirtschaft zunehmend vernetzt. Produktion, Dienstleistungen und Finanzsystem duchdringen sich immer mehr. (Als Beispiel mag dienen, dass ein großer Autobauer in einigen der letzten Jahre teiweise mehr Geld im Finanzsektor verdiente, als mit dem Bau von Autos.) Die Aktienkurse, meist als synonym für Gewinnerwartungen und damit den Wert eines Unternehmens sind längst zum Produktionsfaktor geworden. Fallen sie, fallen auch die Bewertungen der Kreditwürdigkeit vorn Unternehmen durch die Banken. Damit steigen die Kreditkosten für das Unternehmen und damit die Produktionskosten, was den Gewinn schmälert und den Aktienkurs wiederum in Bedrängnis bringen kann.

Weiterhin haben wir es mit weltweit zunehmenden Konzentrationsprzessen in der Wirtschaft zu tun. Große Banken, Konzerne, Holdinggesellschaften (wobei sich das manchmal gar nicht mehr sauber voneinander trennen lässt) halten immer mehr Kapital aus verschiedenen Bereichen. Geraten sie in Schieflage, hat das gravierende Auswirkungen auf viele Bereiche, kann ganze Branchen mit in den Abgrund reißen. Ein Dominoeffekt kann eintreten. Auch Konzentrationsprozesse in der Produktion sind potenziell risikoreich: Nach den letzten Erdbeben in Japan fiel eine relativ kleiner Zulieferer für die Automobilindustrie aus und drohte einen großen Konzern wie Toyota stillzulegen. (Man konnte den Produktionsstillstand zwar abwenden, aber das Beispiel zeigt, wie auch recht kleine Störungen eine Gefahr für große Unternehmen sein können.)

Insgesamt ist das eine Gleichung mit extrem vielen Variablen, viele davon (z. B. “Psychologie”, “Vertrauen” usw.) lassen sich nur schätzen, nicht wirklich berechnen, so dass dass System, wie viele komplexe Systeme, zum Chaos neigt. Vorgänge können sich aufschaukeln, andere Vorgänge bremsen oder anregen oder ungeahnte weitere Prozesse triggern.

So können die Vernetzung, die Konzentrationsprozesse und die eigentliche Unmöglichkeit, das System exakt zu berechnen dazu führen, dass auch eine kleine Ursache große Auswirkungen hat,

Im Gegenwärtigen Fall waren die Kredite für amerikanische Bürger billig, dadurch war es für viele möglich, ein Eigenheim zu finanzieren. Da die Nachfrage nach Eigenheimen groß war, stieg deren Wert, so dass es möglich war, auf das zu bauende Haus eine große Hypothek aufzunehmen, um es wiederum zu finanzieren. Die Bank hatte ja – auch bei vielleicht etwas unsicherem Einkommen des Häuslebauers, einen guten Gegenwert: Das wertvolle Haus! Was soll schon passieren? Alles im Lot auf’m Boot.

Da die Geldvergabe nun vermeintlich gut abgesichert scheint, kann man weiteres Geld ja ähnlich vergeben – investieren – um für die Zukunft von den Zinsen zu profitieren. Also bietet man weitere Kredite/Hypotheken zu günstigen Bedingungen an und alles beginnt von vorn und immer schneller usw. Es verhält sich fast wie bei einem Schneeballsystem, weil auf diese Weise irgendwann auch noch der unsicherste und faulste Kredit als sinnvolle Investition erscheint. Und irgendwo muss das viele Geld ja hin, es soll schließlich arbeiten. Wachstum! Stillstand ist der Tod!

Nur leider können nun zwei Dinge passieren:

  1. Irgendwann kommen jemandem Bedenken, dass das immer so weiter geht mit den Investitionen in Immobilien (In Asien waren es Bürohochhäuser, in Amerika in diesem Fall Eigenheime). Dieser jemand zieht sein Geld ab und andere machen es ihm nach. Die Hypotheken scheinen nicht mehr so sicher, so dass die Zinsen darauf steigen. Folge: Viele eben noch stolze Eigenheimbesitzer können ihre Raten nicht mehr zahlen und müssen verkaufen. Das Angebot an günstigen Häusern steigt. Und sie werden immer günstiger, denn je mehr davon angeboten werden, um so schlechter sind die Chancen so ein Haus los zu werden. Da somit der Wert der Häuser und damit der darauf lastenden Hypotheken sinkt, müssten, um die Verluste auszugleichen, die Banken wiederum die Zinsen erhöhen und so fort.
  2. Möglicherweise ist schlicht irgendwann der Markt gesättigt. Irgendwann hat jeder sein Haus, das heißt, die Nachfrage danach sinkt. Mit der Nachfrage sinkt der Preis. Mit dem Preis der Wert des Hauses, damit steigen die Hypothekenzinsen und der Kreislauf kommt in Gang wie in Beispiel 1.

Da nun aber ganze Investmentfonds auf den zweitklassigen Hypotheken aufgebaut wurden (zweitklassig, weil nicht ausreichend durch Einkommen der Hausbesitzer, sondern nur durch den vermeintlichen Wert des Hauses abgesichert), kommen nun sogar ganze Banken ins finanzielle Schlingern. Oops. Jetzt wird’s eng und so ganz langsam steigt die Unruhe, wird zur Angst, dann zur Panik… Gut bei der Panik sind wir noch nicht. Vielleicht kommt sie auch nicht.

In den letzten Tagen haben die Notenbanken verschiedener Länder eine Menge Geld in den Markt gepumpt, damit die Banken genug davon haben und die Leute eben nicht in Panik geraten. Denn Panik wäre ebenfalls der Tod: Wenn jeder sein Geld sofort haben will, ist, da ein großer Teil von den Banken, Fonds usw. ja irgendwo investiert wurde, die Flüssigkeit der Finanzdienstleister erschöpft, man verliert das Vertrauen in sie, sie brechen zusammen – Kettenreaktion, Dominoeffekt, Katastrophe für alle. Deshalb Geld rein. Leute, es ist für alle da, kein Grund zur Panik. Nur: Gestern hielten manche die Hilfe der Notenbanken für unwirksam. Mancher denkt vielleicht auch: Oh Gott, ist es schon so schlimm, dass die Notenbanken in Aktion treten? und wird erst recht panisch.

Naja, also erstens, hat beispielsweise der deutsche Aktienindex Dax gestern nur mäßig im Minus geschlossen (und war ja auch in den letzten Monaten erst mal ordentlich bergauf gegangen) und zweitens wirken die Maßnahmen der Notenbanken offenbar doch. Es hat halt ein bisch’n gedauert. Und vielleicht drittens: Diese Krise wurde von vielen erwartet, so dass ein plötzlicher Schock ausblieb – eine Krise in Zeitlupe sozusagen. Viele konnten sich rechtzeitig absichern.

Trotzdem zeigt die Krise des US-Immobilienmarktes meiner Meinung nach, dass

  • das Weltfinanzswystem nicht wirklich berechenbar im Sinne von vorhersagbar ist,
  • trotz Konkurrenz das gemeinsame Interesse von Teilnehmergruppen dazu führt, dass es faktisch zur Oligopolbildung kommt (alle Kreditzinsen steigen oder fallen),
  • es einem großem Teil gerade der großen Anleger an langfristigen Strategien mangelt,
  • außerdem die kurzfristige Optimierung von Effizienzen ein regelrechtes Glücksspiel ist und so dass, was Privatleuten verboten ist (Kettenbriefe und Schneeballsysteme) ausgerechnet im Internationalen Finanzsystem ganz ohne Planung fröhliche Urständ feiert.

Hier gibt es also noch vieles strukturell zu verbessern. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, dem hogezüchteten Rennwagen nicht nur stärkere Bremsen für den Notfall zu verpassen, sondern allgemein ein wenig die Drehzahl zu verringern. Finanzkrisen können bei den Armen dieser Welt Menschenleben kosten, wenn das Geld nicht mehr ausreicht, um Nahrung zu kaufen. Die Weltwirtschaft ist zu wichtig, um Zockern großen Einfluss zu lassen. Gerade in Anbetracht der großen anstehenden Herausforderungen sind langfristige Strategien wichtig.

So! Ich wollt’s ja nur mal gesagt haben…

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